Interview Su Turhan

Bild: Regina Recht

 

Münchens „MIGRA“ wieder am Start!
Ob sich SU TURHAN als „bayerischer Türke“ oder als „türkischer Bayer“ fühlt und wie er und sein sympathischer Macho-Protagonist 2012 zusammenkamen, enthüllt der Regisseur und Autor in diesem Interview.
Denn jetzt ist mit „Mordslust pur“ Band sechs auf dem Markt.

 


Der Anblick des Toten, der vor der Erotikmesse liegt, ist nichts für schwache Nerven.
Allerdings steckt hinter dem vermeintlichen Raubmord deutlich mehr, wie das Migra-Team schnell herausfindet. Es geht um heiße Partys und eiskalte Geschäftsleute, aber auch häusliche Gewalt spielt eine Rolle.
Und was hat der Unbekannte im Sinn, der sich als Beschützer bedrängter Frauen versteht?
Ein Fall der sich als ganz persönlicher Alptraum des Kommissars entpuppt …

 

Zu Beginn drei Fragen. Was trifft zu und warum?
a) Fastenzeit oder Ramadan?
Beides schwierig für mich. Die dafür notwendige Disziplin bringe ich nur beim Schreiben auf.
b) Schweinsbraten oder Kebab (fast hätten wir nach Döner gefragt, aber das wäre falsch gewesen, nicht wahr?)
Der Begriff „Döner“ hat sich mittlerweile wahrscheinlich bis in die Türkei herumgesprochen. In der Türkei wird Kebab bestellt, sehr richtig. Döner gilt jedoch vor allem in asiatischen Ländern, als deutsche Spezialität.
Meine kulinarischen Vorlieben sind mannigfaltig. Näher äußere ich mich aus Respekt vor meinen Eltern nicht. 😉
c) Obstler oder Raki?
Beides! Gerne! Aber in Maßen. Ich bin Biertrinker. Ein Bierabend ist am nächsten Tag ohne Schnaps besser zu ertragen. Da folge ich Karl Valentins Rat, der sagt: „Sauft’s ned so vui, trinkt’s lieber a Bier.“

Sind Sie also ein bayerischer Türke oder ein türkischer Bayer oder wie würden Sie sich selbst bezeichnen?
Das ist von der Situation abhängig, in der ich mich befinde. Grundsätzlich sind beide kulturelle Identitäten in mir vereint und haben ihren Platz. Das ist gerade das Schöne und Bereichernde. Beides geht auch noch so gut zusammen. Mal hat das Bayerische die Oberhand, mal das Türkische. Oder anders herum. Oder beides gleichzeitig – auch das ist denkbar und wird von mir bewusst gelebt.

Die Parallelen zum Helden Zeki Demirbilek sind also absolut gegeben. Wann und wie trat er in Ihr Leben?
In Indien! Mumbai, um genau zu sein. Dort war ich auf einem internationalen Filmfestival mit meinem Kinofilm „Ayla“ geladen. Im Hotelzimmer entstand 2012 die Ermittlerfigur und das Romanexposé zum ersten Pascharoman. Das habe ich an zwei Abenden geschrieben. Wohl, weil es aus mir raus musste.

Quelle: Piper Verlag

Seitdem ist Kommissar Pascha ein fester Bestandteil des Alltags von Su Turhan geworden – praktisch jedes Jahr präsentieren Sie den Fans einen neuen Band der Reihe. Nach Bier, Bauchtanz und Politik (um nur ein paar der Themen zu nennen) spielt diesmal die Erotik eine nicht unwesentliche Rolle. Wie haben Sie sich auf dieses Sujet vorbereitet?
Das stimmt. Ich suche mir oft Themen, die ich runterbreche auf einen Fall, auf Figuren. Das Thema Erotik ist ja allumfassend in unserer Gesellschaft. In meinem Herkunftsland wird das eher restriktiv gehandhabt.
Ich recherchiere meist halbherzig, weil ich mehr meiner Fantasie und Vorstellungskraft vertraue. Die Realität ist viel brutaler meistens.
Für den aktuellen Roman war ich auf der Erotikmesse im Olympiapark und habe mir das Geschehen als Besucher angesehen. Vieles davon ist in die Geschichte eingegangen, jedenfalls vom Ambiente. Eine Leiche gab’s nicht. Die habe ich auf dem Papier beigesteuert.

Aber auch häusliche Gewalt und Übergriffe gegen Frauen werden thematisiert. Welche Unterschiede gibt es diesbezüglich in den verschiedenen Kulturen, also der deutschen und der türkischen?
Es gibt sicher Unterschiede. Was kulturbegründet anders oder gleich ist, ist für mich ohne Belang. Häusliche Gewalt und Übergriffe gegen Frauen geht nicht. Punkt. Das versuche ich auf drastische und überhöht fiktionale Weise zu erzählen.

Was denken Sie, wie würden Sie persönlich sich verhalten, wenn in Ihrem Beisein eine (schwächere) Person angegangen wird – sei es nun eine Frau, ein Obdachloser, jemand mit ausländischen Wurzeln?
Das kann in ich in der Theorie schwer ehrlich beantworten. Zu fabulieren, ich würde heldenhaft das Opfer retten, wäre jetzt vielleicht naheliegend.
Die Polizei rät ja, dosiert Zivilcourage zu zeigen. Den Notruf zu wählen und als Zeuge zur Verfügung zu stehen. Helfen, selbstverständlich, aber sich selbst nicht in Gefahr bringen.
Ich kann mir jedoch durchaus Situationen vorstellen, in der dringendes Handeln angebracht ist. Ich bin so ein Mund-Aufmacher. Ich stelle mich und glaube schon, dass ich mich für eine gefährdete Person einsetzen würde. Die Geschichten von Alltagshelden in Zeitungen verschlinge ich.

Sie sind in Straubing aufgewachsen – Zeki haben Sie seine ersten zwei Jahre in Deutschland in Augsburg zuteil werden lassen. Warum dort?
Aus zwei Gründen. Erstens wollte ich mich von meiner eigenen Biographie distanzieren, um den Schluss Autor = Hauptfigur zu kaschieren.
Zweitens: es gibt so etwas wie automatisiertes Schreiben. Augsburg stand bei dem Verfassen des Kapitels da, nachdem ich viel darüber nachgedacht hatte, welchen Lebenslauf mein Ermittler haben soll. Also habe ich den Ort belassen. Zeki ist ja nur kurz in der Fuggerstadt.
Mir war für seinen Charakter wichtig, dass er kein gebürtiger Münchner ist. Die Sehnsucht nach Istanbul ist Teil seines Wesens.

Neben den grundsätzlichen Gemeinsamkeiten (benutzen Sie eigentlich Stofftaschentücher?) gibt es also schon Unterschiede zwischen Protagonist und Autor. Wie bringen Sie sich mental in den „Zeki“-Zustand bzw. ist das überhaupt nötig?
Und gilt das dann für jede einzelne Figur – also auch den urbayerischen Kollegen Pius Leipold oder die fleißige niederbayerische Mitarbeiterin Isabel Vierkant?

Ich bin bekennender Herrentaschenträger. Dort befindet sich u.a. ein Stofftaschentuch, ja. Nicht in der Hosentasche, wie bei Zeki.
Meine Figuren und ich kommunizieren miteinander. Es ist tatsächlich so. Meine Frau behauptet, in unserer Wohnung gäbe es ein Geheimzimmer, wo Zeki wohnt. Irgendwie ist er ständig zugegen. Mental muss ich mich nicht groß einstellen. Es ist eher so, dass ich die Einmischung meiner Figuren regulieren muss.
Zurzeit skizziere ich einen neuen Fall. Das geht Jale, Isabel und Pius erst mal nichts an. Die sind später dran. Zeki rauszuhalten ist schwierig. Aber glauben Sie, die würden still sein? Wie Kinder schreien die durcheinander, um Vorschläge zu machen. Leiche am Flaucher! Oder ein toter Messner in der Heilig-Kreuz zum Beispiel.

Es wohnen also viele Seelen in Ihrer Brust. Und viele Themen in Ihrem Kopf – wie kommen die da hinein?
Dieses Rätsel möchte ich nicht ergründen. Das wäre der Anfang vom Ende. Ideen kommen mir zu unmöglichen Zeiten und an unterschiedlichsten Orten. Aber eine Idee ist erst Mal nicht viel. Lediglich der Beginn einer langen Reise, bei der ich mich nicht vom Fleck rühre. Sondern am Schreibtisch sitze. Ich bin dankbar und nehme in Demut hin, die Freiheit zu haben, über solche Dinge nachdenken zu dürfen. Es ist harte Arbeit, das nur nebenbei.

Wäre der illegale Abriss des Uhrmacherhäusls in Giesing, wo Sie leben, auch ein Thema aus dem „echten Leben“, das Sie aufgreifen könnten? Haben Sie das mitbekommen?
So groß das Thema ist, wäre es mir irgendwo auch zu klein. Ich würde eher ein Hochhaus abreißen oder die Verantwortlichen, die den Paulaner Schornstein gesprengt haben, durch eine krude Geschichte jagen.
Wie jammerschade ist das denn! Der Wahrzeichen hat mir stets den Weg nach Hause gewiesen.
Den illegalen Abriss habe ich mitbekommen. Aber nichts bemerkt, obwohl ich an dem Morgen an der Tela Semmeln holen war. Ging ja rasend schnell. Das hat uns alle in Giesing beschäftigt. Selbst meine Kinder wussten es, als sie an dem Tag aus der Schule gekommen sind.

Wenn es beim Schreiben tatsächlich mal klemmt, was tun Sie dann?
Schreiben. An etwas anderem.

Viele der Situationen, in die Sie die Protagonisten bringen, haben Sie bei Ihren Recherchen selbst entdecken können, oder?
Wie steht es mit dem Anblick einer Leiche (Pius mag das ja nicht so gern)? Oder sogar einer Obduktion?

Eine Wasserleiche, damals als Jugendlicher in der Donau, kann ich nennen. Ganz furchtbar!
Vor paar Jahren war ich mal in der Pathologie, da bei der Maistraße, gibt’s glaube ich nicht mehr. Wollte eine Vorlesung hören und habe mich reingeschlichen. Da waren die Leichenwäscher mit Gummischläuchen zu Werke. Auch furchtbar.
In Dortmund war ich im Krematorium zur Recherche wegen einer Kurzgeschichte. Habe mich von der Führung absentiert und mich umgesehen. In einem Raum fand ich Leichen in Plastik gehüllt vor. Ein Fuß schaute raus. Auch furchtbar.
Da halte ich es mit Pius. Ist nichts für mich in der Realität.
Mein Sohn hat sich beim Karottenschnibbeln den halben Daumen mal abgeschnitten. Hat das geblutet! Raten Sie mal, wer in Ohnmacht gefallen ist, fast jedenfalls? Eine Obduktion bislang nicht. Das bleibt auch so.

Wie wichtig ist der Kontakt mit Polizeibeamt_innen und was sind typische Fragen, die Sie den Menschen „vom Fach“ stellen (oder gern stellen würden)?
Der Kontakt ist ganz wichtig. Da gilt es in erster Linie Fakten abzuklären. Echte Polizeiarbeit hat mit Kriminalromanen ja oft nicht viel gemein. Das weiß der Leser (die Polizeibeamten erst recht). Informiert habe ich mich z.B., was eine KAN Akte ist, wann die Informationen dort aus datenschutzrechtlichen Gründen gelöscht werden. Oder ob es am Königsplatz Polizeikameras gibt. Gibt’s nicht! Musste ich 30 Seiten umschreiben. Passiert. Nächstes Mal, frage ich vorher.
Die Pressestelle macht das toll. Ich wollte mal wissen, ob wir je eine Polizeipräsidentin hatten. Da musste die Dame am Telefon erst nachdenken, dann laut auflachen.
Nachgefragt habe ich z.B., wie es sich mit pflanzlicher DNA auf Steinen verhält, die in einer Leiche gefunden wurden. Beim LKA durfte ich mir die neuen Arbeitsmethoden der digitalen Forensiker ansehen. Mit 3-D-Brille gerichtsverwertbare Beweismittel in Händen halten – irre!

Kontakt mit Leser_innen haben Sie auf jeden Fall: Sie bestreiten zahlreiche Veranstaltungen. Viele davon mit musikalischer Begleitung. Wie kam es dazu und was ist das Schöne daran?
Als mein erster Roman veröffentlicht wurde, bekam ich einen Anruf wegen Buchpremiere. Ich: Was? Mir war nicht bewusst, dass das auf mich zukommt. Ich stamme ja sozusagen vom Film. Beim Film wird nicht gelesen. Da wird geschaut.
Hat aber nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass mir das liegt. Meine Freunde Bernhard Seidel und Theo Degler machen die Musik bei meinen Lesungen. Es ist eine enge Zusammenarbeit mit mir und den Text. Musik passt gut zu meinen Figuren und Geschichten. Wenn die Stimme von tragender oder spannender Musik untermalt wird, laufen die Affekte Amok. Dagegen sind wir Menschenkinder einfach nicht gefeit.

Letzte Frage: Auf einer Skala von eins bis 10 – wo läge eine Fahrt durch München im Streifenwagen, vielleicht sogar mit Blaulicht?
Eine glatt 10. Denn ich hatte schon das Vergnügen! Mit 100 Sachen, Blaulicht und Sirene. Vom Müller’schen Volksbad zur Prinzregentenstraße, weiter zur Dienststelle McGraw-Kaserne. Was habe ich geschwitzt! Aber der Beamte am Steuer hatte das im Griff, wobei ich die meiste Zeit die Augen geschlossen hatte. Wenn jemand wissen will, warum, verweise ich auf mein Aussageverweigerungsrecht!

DANKE für das Gespräch!
(mit Su Turhan mailte sehr gern im Februar 2018 Chefredakteurin Michaela Pelz)

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